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Kristalle auf einer Kugel


Um zu erfahren, wie Teilchen einer einzelnen Schicht auf der Oberfläche einer Kugel angeordnet werden müssen, wollen Forscher ein 100 Jahre altes Rätsel lösen.


Durch eine Entdeckung, die wahrscheinlich so unterschiedliche Bereiche wie Medizin und Nanotechnologie betreffen wird, haben Forscher herausgefunden, wie die Natur es schafft, geladene Teilchen in einer dünnen Schicht zu einer Kugel zu arrangieren. Der Schritt vorwärts zum Verständnis dieses theoretischen Problems kann helfen, die Natur der strukturellen Spalten in den äußeren Hüllen von Viren und Bakterien (abgezielt auf potentielle Angriffspunkte für Medikamente) zu offenbaren und Wissenschaftler zu neuen Wegen des Moleküldesigns zu führen.

Auf einer ebenen Oberfläche arrangieren sich Partikel, die einander abstoßen, so, dass sie sich in einem stabilen Energiezustand befinden, um letztlich eine Anordnung innerhalb eines Gitters von identischen Dreiecken einzunehmen, die der von Billardkugeln zu Beginn eines Spieles entspricht.

Die Forscher, die seit nahezu einem Jahrhundert sphärische Strukturen studieren, wussten bisher nur, dass ein flaches Gitter nicht einfach in eine sphärische Form gebracht werden kann, weil dann das Gitter von perfekten Dreiecken zusammenbricht. Schon früh, 1904, als der Physiker und Nobelpreisträger J. J. Thomson noch über die Elektronenschalen der Atome theoretisierte, haben sich Forscher gefragt, welche Struktur unter unzähligen Möglichkeiten ein dünnes Netz von Partikeln wählen würde, um eine Kugel einzuhüllen.

In der Ausgabe der Zeitschrift Science vom 14. März beschreiben Wissenschaftler einen größeren Durchbruch bei der Lösung des Rätsels, gestützt durch Experimente mit Wassertröpfchen und winzigen, sich selbst organisierenden Kügelchen. Die Forscher demonstrieren, wie sphärische Kristalle eine gebogene Oberfläche durch Ausbildung von "Narben"  (Fehler, die die Organisation von Kugeln ermöglichen) bilden.

Die von der NSF unterstützten Wissenschaftler Mark Bowick von der Syracuse Universität, David Nelson von der Harvard Universität und Alex Travesset von der Iowa  State Universität sowie das Ames National Laboratory konzipierten die Studie mit Konzepten, die sie bereits früher entwickelten.

Die theoretischen Arbeiten der genannten  und anderer Labors legen nahe, dass sich Kristalle auf einer gebogenen Oberfläche auf eine ungewöhnlich Art anordnen, die bei flachen Kristallen nicht vorzufinden ist.

Den Forschern haben sich die Experimentatoren Andreas Bausch und Michael Nikolaides von der TU München und Angelo Cacciuto vom FOM Institute for Atomic and Molecular Physics in den Niederlanden zusammen mit den von der NSF unterstützten Forschern um  David Weitz von der Harvard University angeschlossen. In Experimenten konnte Team das Modell, wie sich sphärische Kristalle unter verschiedenen natürlichen Bedingungen bilden, testen und letztlich stützen.

Das Zusammenspiel zwischen Theorie und Versuch zeige faszinierende Einblicke, schwärmt Daryl Hess, die für das Projekt verantwortliche NSF-Beamtin; es sei eine von Neugier gesteuerte Forschung - von der Struktur biologischer Systeme bis hin zu altehrwürdigen Problemstellungen aus der Zeit vor der Quantenmechanik - deren Ergebnisse vermutlich  Wirkung auf viele Bereiche der Wissenschaft haben werde.

Im Gegensatz zu den bisherigen Ansätzen, die Computermodelle verwenden, um zu bestimmen, wie sich die geladenen Teilchen arrangieren, schließt der neue Forschungsansatz Experimente ein, anstatt sich ausschließlich auf die einfachen Fehlstellen in der Kristallstruktur zu konzentrieren und zu bestimmen, wie Teilchen und Fehlstellen ihre stabilste Anordnung finden.

Um die sphärischen Kristalle herzustellen, „legten“ die Forscher Polystyrolkügelchen (mit einem Durchmesser von nur einem Mikron) um winzige Kugeln von Wasser (10 Mikron in Durchmesser), die in einer öligen Lösung suspendiert sind, herum.

Das Team verwendete dann ein Lichtmikroskop, um die Sphären zu betrachten und die Kristallmuster digital abzubilden (siehe Abbildungen auf der NSF-Site). Während das flache Kristallmuster aus einem regelmäßigen Gitter benachbarter gleichseitiger Dreiecke bestand, entdeckten die Forscher, dass das dreieckige Muster der sphärischen Kristalle aufgrund Fehler unterbrochen und gestaucht wurde (statt der sechs in einem perfekten Gitter hat jedes Kügelchen hier fünf oder sieben direkte Nachbarn).

„Wir fanden heraus, dass eine Krümmung die Anordnung von Teilchen auf einer Oberfläche im Wesentlichen beeinflussen kann," sagte Bowick. Kleinere Kugeln wiesen zwölf vereinzelte Fehler auf, größere Kugeln jedoch zeigten gezackte Ketten mit Fehlerstellen, die die Forscher als Narben bezeichneten. Diese Narben stellen eine Anhäufung von einfachen Fehlern im Gittermuster dar, die innerhalb des Kristalls beginnen und enden, im Gegensatz zu den flachen Kristallen, bei denen ähnliche Strukturen auf der Oberfläche beginnen und enden. Die Forscher bemerkten, dass die Narben in einer voraussagbaren Weise auftraten, bedingt durch die Größe der Kugel,  und dass die Voraussagen mit ihrer Theorie übereinstimmten.

Borwick resümierte, dass diese Strukturen ein charakteristisches Merkmal der gebogenen Geometrie und unabhängig von den Wechselwirkungen der Teilchen auf der Oberfläche sei. Die Narben sollten in jeder Art sphärischer Packung oder Kristallisation auftreten.

Eine zusätzliche Bestätigung des beschriebenen Ansatzes der Forscher sind die neuen Erkenntnisse über Bildung und Existenz solcher Strukturen in der Natur: Einige Viren - wie das Affenkrebsvirus SV40 - und einige Bakterien zeigen ähnliche sphärische Strukturen – die Kenntnis der „Narbenbildung“ kann dazu führen, chemische Reaktionen an genau jenen Stellen anzusetzen, um so zu potentielle medizinische Behandlungsansätze gegen Krankheiten mit ähnlichen Krankheitserregern zu erhalten.

Die Forschung wirft auch Licht auf einige der am häufigsten eingesetzten Strukturen in der Nanotechnologie, nämlich den Fullerenen. Das Wissen, woher die Fehler innerhalb der Nanostrukturen  resultieren, wird den  Forschern helfen, bessere Methoden zur Herstellung von Fullerenen zu entwickeln bzw. andere große Moleküle mit bestimmten Merkmalen zu entwerfen.

 17. März 2003


Quellen und weitere Informationen:

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Bilder und Grafiken zum Bericht

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Homepage von Alex Travesset, Iowa State University

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Homepage von David Weitz, Harvard University

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National Science Foundation (NSF)

 


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