Mit einer neuen Messtechnik
beobachten Max-Planck-Wissenschaftler, wie die Oberfläche von
Kolloiden mitwirkt, wenn sich solche Partikel zu einem zähflüssigen
Gel zusammenlagern.
Zellkern, Mitochondrien und Ribosomen schwimmen im
Zytoplasma und sinken nicht zum Boden der Zelle - sie verhalten sich
wie suspendierte Kolloide. Sylvie Roke, eine Forscherin des
Max-Planck-Instituts für Metallforschung in Stuttgart, hat nun
gemeinsam mit niederländischen Wissenschaftlern die Eigenschaften von
Kolloiden mit einer neuen optischen Messtechnik untersucht. Dabei
haben sie herausgefunden, dass die Oberflächenstruktur der Partikel
eine wichtige Rolle spielt, wenn sich eine Suspension aus Kolloiden in
ein Gel verwandelt. Die Kolloide, welche die Wissenschaftler
untersuchten, tragen auf ihrer Oberfläche lange Alkylketten und
gleichen damit haarigen Kugeln: Lagern sich die Alkylketten und die
Moleküle des Lösungsmittels abwechselnd aneinander, ballen sich die
Partikel zu einem Gel zusammen. (PNAS, 5. September 2006, siehe unten)
Verglichen mit Atomen sind Kolloide riesig. Ihr
durchschnittlicher Durchmesser ist mit 200 nm mehr als 1000-mal größer
- eben das macht sie für die Forschung so interessant. Denn Kolloide
verhalten sich oft wie Atome. Doch im Gegensatz zu Atomen, den
kleinsten Bausteinen der Natur, lassen sich Kolloide auch
mikroskopisch beobachten - und die daraus gewonnenen Ergebnisse
anschließend auf Atome übertragen. Indem sie Kolloide untersuchen,
lernen Wissenschaftler aber auch viel über das Verhalten von
Biomolekülen im Inneren von Zellen. Denn in Organismen verlaufen viele
chemische Reaktionen in kolloidalen Systemen. In der Medizin forschen
die Wissenschaftler deshalb nach Möglichkeiten, Kolloide als
Trägermaterial mit anderen Molekülen - etwa Antikrebsmittel - zu
bestücken.
In kolloidalen Systemen schweben Partikel in einer
Flüssigkeit, ohne das sie sich darin tatsächlich lösen. Die
Eigenschaften dieser Systeme sind allerdings bis heute noch nicht
vollständig bekannt. Unklar sind etwa die Mechanismen, bei denen
Kolloide ihren Zustand ändern: von geordneten kristallinen Strukturen,
über dickflüssige Gele bis hin zu gasähnlichen Suspensionen - einem
Stoffgemisch, das aufgeschlämmtem Sand im Meer ähnelt.
Abb.1: Kolloide
im Transmissions-Elektronenmikroskop: Das Bild zeigt Partikel mit
einem Durchmesser von etwa 240 nm - das Lösungsmittel wurde
verdampft, um die Aufnahme machen zu können.
Bild: Sylvie Roke
/ Max-Planck-Institut für Metallforschung
Die Stuttgarter Max-Planck-Forscherin Sylvie Roke
hat nun gemeinsam mit Wissenschaftlern des FOM Institute for Atomic
and Molecular Physics in Amsterdam Kolloide untersucht, deren
Oberflächen lange Alkylketten wie einen Pelz tragen. Sie beobachteten
diese Kolloide mit einer neu entwickelten optischen Messtechnik,
während eine Suspension der Partikel einen Phasenübergang durchmachte.
Sie kühlten die Suspension ab, in der die Teilchen voneinander
getrennt umher schwammen. Daraufhin lagerten sich diese zu einem
zähflüssigen Gel zusammen. Das lag zum Teil daran, dass sich die
Partikel in der Suspension langsamer bewegten - wie Wasser, das
allmählich zu Eis erstarrt. Gleichzeitig richteten sich die
Alkylketten beim Abkühlen gerade auf - als stünden den Kolloiden die
Haare zu Berge. Zwischen ihnen ordneten sich zudem Moleküle des
Lösungsmittels an. Damit erhöhte sich die Dichte des Alkylpelzes. In
der Folge verstärkte sich die van-der-Waals Kraft zwischen den
Teilchen - einer im Vergleich zur Atombindung recht schwachen
anziehenden Kraft zwischen Molekülen, aber auch größeren Partikeln.
Die Kraft ist aber immerhin so stark, dass die Partikel aneinander
kleben bleiben, wenn sie zufällig zusammenstoßen. Dieser Prozess zog
sich über mehrere Tage - und damit länger als bislang vermutet.
Abb.2: Ob Gel
oder Suspension - die Haare machen den Unterschied: Das linke Bild
zeigt ein Gel bei Raumtemperatur (20 Grad Celsius). Die Partikel
liegen dicht beieinander, die Alkylketten ihrer Oberflächen und
die Moleküle des Lösungsmittels liegen geordnet aneinander. Bei 55
Grad Celsius liegen die Kolloide als Suspension vor, ihre
Alkylketten stehen wirr ab.
Bild: Sylvie Roke
/ Max-Planck-Institut für Metallforschung
Forscher hatten bereits seit längerem einen
Zusammenhang zwischen der Struktur der Oberfläche, in diesem Fall dem
Verhalten der Alkylketten, und solchen Phasenübergängen in kolloidalen
Systemen vermutet. Doch es gab bislang keine direkte Methode, diesen
Zusammenhang zu untersuchen. Die Max-Planck-Wissenschaftler
entwickelten deshalb die neue Technologie "Vibrational sum frequency
scattering" (Schwingungs-Summenfrequenzerzeugung), welche die
Molekülschwingungen auf den Oberflächen der Kolloide misst. "Mit
unserer Beobachtungsmethode können wir nun Moleküle an den verborgenen
Partikeloberflächen beobachten, indem wir ihre Struktur und
Orientierung bestimmen und gleichzeitig Partikelgröße- und form
untersuchen", sagt Dr. Sylvie Roke, die diese Technik während ihrer
Promotion entwickelt hat.
Quellen und weitere Informationen:
-
Publiziert am 11.09.2006
-
Sylvie Roke, Otto Berg, Johan Buitenhuis, Alfons van Blaaderen und
Mischa Bonn -
Surface molecular view of colloidal gelation - September
5, 2006, vol. 103, no. 36, 13310 - 13314 - doi 10.1073 /
pnas.0606116103