Wie Pflanzen noch das letzte Quäntchen Licht effektiv ausnutzen
Biologen der Universität Jena an aktueller
Publikation in der Zeitschrift "Nature" über zwei wichtige
Regulator-Enzyme der Photosynthese beteiligt.
(Jena) Wenn uns die Sonne zu sehr auf den Schädel
brennt, suchen wir uns ein schattiges Plätzchen. Diese Möglichkeit
haben Pflanzen nicht. Egal ob Schatten oder Sonne, sie müssen an dem
Standort bleiben, an dem sie Wurzeln geschlagen haben. Hilflos sind
sie ihrer Umwelt dennoch nicht ausgeliefert. Im Verlauf der Evolution
haben sie ausgeklügelte Mechanismen entwickelt, die es ihnen unter
anderem ermöglichen, durch Umbauten in ihrem Inneren auf sich ändernde
Lichtverhältnisse zu reagieren. Pflanzen brauchen bekanntermaßen
Licht, um zu überleben. Sie beziehen aus dem Sonnenlicht die Energie
für die Reaktion, bei der sie aus dem Kohlendioxid (CO2)
der Luft und Wasser eigene langkettige Zuckerverbindungen (z. B.
Stärke, Zellulose) aufbauen. Diesen Prozess, bei dem sie den für uns
lebensnotwendigen Sauerstoff produzieren, nennt man Photosynthese.
Seit längerem ist bekannt, dass die an der Photosynthese beteiligten
Lichtsammelproteine der Pflanzen auch dabei helfen, auf veränderte
Lichtverhältnisse zu reagieren.
PD Dr. Thomas Pfannschmidt beim pipettieren von Proteinen.
Foto: FSU
Ein deutsches Wissenschaftlerteam hat nun zwei
wichtige Enzyme, so genannte Kinasen identifiziert, die essenziell
sowohl für kurz- als auch für langzeitige Anpassungsreaktionen von
Pflanzen sind und es ihnen ermöglichen, auch noch das letzte Quäntchen
Licht effektiv auszunutzen. Ihre Ergebnisse wurden am 20.10.2005 in
der renommierten Fachzeitschrift "Nature" veröffentlicht. Neben
Forschern aus dem Kölner Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung,
der Ludwig-Maximilians-Universität München sowie der Universität
Düsseldorf waren auch Pflanzenphysiologen der
Friedrich-Schiller-Universität Jena an dieser Entdeckung beteiligt.
"Die Photosynthese findet in einer hoch spezialisierten und von der
übrigen Zelle räumlich getrennten Minifabrik, den grünen Chloroplasten
statt", erläutert Koautor PD Dr. Thomas Pfannschmidt von der
Universität Jena. "Die Energie des Sonnenlichts wird dabei in zwei
aufeinanderfolgenden Schritten mit Hilfe der Photosysteme I und II in
chemisch nutzbare Energie umgewandelt." Wichtig dafür ist eine
gleichmäßige Lichtanregung beider Systeme. Die beiden entdeckten
Kinasen namens STN7 und STN8 spielen dabei eine entscheidende Rolle.
Bei schnellen Lichtveränderungen regulieren sie die Verteilung der
eingefangenen Lichtenergie zwischen den beiden Photosystemen, indem
sie die Lichtsammelproteine zwischen ihnen verschieben. Bei länger
anhaltenden Veränderungen der Lichtverhältnisse wird dagegen der
gesamte Maschinenpark der Photosynthese umgebaut. "Wir haben
ermittelt, dass die beiden Photosysteme I und II dann in veränderten
Zahlenverhältnissen vorliegen", erklärt Pfannschmidt. Diese
Veränderung der Stöchiometrie tritt nach 12 bis 24 Stunden auf,
während die Kurzzeitantwort bereits nach 5-10 Minuten erfolgt. "Bei
beiden Anpassungsreaktionen geht es letztlich darum, das eingefangene
Sonnenlicht möglichst effizient zu nutzen", so der Jenaer Biologe.
Die Licht-Experimente, die er mit seiner Gruppe an den
Pflanzenmutanten durchgeführt hat, ergaben, dass Pflanzen, denen die
Kinase STN7 fehlt, die Langzeitanpassungsreaktion nicht mehr
durchführen können. Offenbar kommt das Signal zum Aufbau zusätzlicher
Photosysteme in der Schaltzentrale nicht an. "Diese Pflanzenmutante,
die aufgrund der fehlenden STN7 keine Langzeitanpassung mehr zeigt,
ist für uns besonders interessant. Denn wir wollen herausfinden, wie
die Nachricht von den veränderten Lichtverhältnissen letztendlich bis
zur DNA gelangt, wo die genetische Information, sprich die Baupläne
für die Photosysteme I und II lagern", sagt Pfannschmidt. Die STN7 ist
offenbar ein wichtiger Bote in der Signalkette, die zur Aktivierung
der Photosystem-Gene führt. "Wir wissen nun zumindest, wo das Signal
in der Photosynthese entsteht und dass Langzeit- und Kurzzeitantwort
miteinander gekoppelt sind", fasst der Pflanzenphysiologe von der
Universität Jena die publizierten Ergebnisse zusammen. "Wir werden nun
versuchen herauszufinden, wie die Signalweiterleitung funktioniert.
Mit den beiden Kinasen haben wir einen ersten Angriffspunkt, um nach
weiteren Reaktionspartnern zu suchen", skizziert er das nächste
Forschungsziel.
20. Oktober 2005
Quellen und weitere Informationen:
-
V. Bonardi, P. Pesaresi, T. Becker, E. Schleiff, R. Wagner, T.
Pfannschmidt, P.Jahns & D. Leister: "Photosystem II core
phosphorylation and photosynthetic acclimation require two
different protein kinases" [Nature,
Volume 437 Number 7062, 20.10.2005]