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Prof. Dr. Michael Nelles lehrt in Göttingen
Umwelttechnik an der HAWK, Hochschule für angewandte Wissenschaft und
Kunst, FH Hildesheim/Holzminden/Göttingen. Er hält die Entwicklung von
neuen, steuerungstechnischen Lösungen der Vorgruben-Technik in
entsprechenden Anlagen für notwendig. Zwar handele es sich bei der
chemischen Reaktion bei gleichzeitig offener Klappe um eine
außergewöhnlich unglückliche Verkettung von Umständen. Ohne technische
Maßnahmen sei eine Wiederholung in Anlagen dieses Typs jedoch nicht
auszuschließen.
Technische Schutzmaßnahmen
Prof. Nelles wird mit dem Arbeitskreis "Technik und
Betrieb von Biogasanlagen" technische Schutzmaßnahmen entwickeln und
den Genehmigungsbehörden vorschlagen. So sei eine veränderte
Steuerungstechnik besonders für die landesweit rund 40 Abfall
verwertenden Anlagen sinnvoll, um ein Befüllen bei offener
Abdeckklappe über der Vorgrube zu verhindern. Gaswarngeräte, die das
niedersächsische Umweltministerium bereits kurz nach dem Unfall in
Erwägung gezogen hat, sind laut Prof. Nelles nur bei langsam
steigender Konzentration von Gasen hilfreich. Im vorliegenden Fall
hatten laut Polizeibericht die Opfer jedoch keine Chance zur Flucht
wegen der rasch eingetretenen Freisetzung. Prof. Nelles empfiehlt
daher auch die Anpassung der Sicherheitstechnik für Biogasanlagen, in
denen solche Abfälle behandelt werden. Außerdem hält Nelles ein
Schulungssystem für die Mitarbeiter solcher Anlagen zur verstärkten
Gefahrensensibilisierung für erforderlich.
Nelles weist im Zusammenhang mit dem Unglück
ausdrücklich auf die beiden unterschiedlichen Typen von Biogasanlagen
hin. Die Anlage in Rhadereistedt sei eine Abfall verwertende Anlage,
die auch tierische Abfälle verwerten darf, während die weit
überwiegende Zahl von rund 400 Anlagen allein in Niedersachsen nur
nachwachsende pflanzliche Rohstoffe verarbeitet. In einer derartigen
Anlage sei bisher weder ein solcher Unfall aufgetreten noch zu
befürchten. Dennoch empfiehlt der Experte eine entsprechende Prüfung
auf mögliche Gefahren. Auch dieses Themas wird sich der Arbeitskreis
annehmen.
Ausgereifte Technik
Die Situation in Biogasanlagen, die ausschließlich
pflanzliche Grundstoffe wie zum Beispiel Mais sowie Gülle verwerten,
beurteilt Nelles so: "In sachgerecht mit nachwachsenden Rohstoffen
betriebenen Anlagen kann solch ein Unfall so nicht geschehen." Selbst
die oft befürchteten Geruchsbelästigungen im Umfeld von Biogasanlagen
gäbe es bei vorschriftsmäßig errichteten Anlagen nicht. Prof. Nelles
unterstützt daher auch weiterhin den Ausbau der Anlagen auf Basis
nachwachsender Rohstoffe: "Richtig eingesetzt, ist Biogas eine umwelt-
und besonders auch klimafreundliche Energie ohne hohe Risiken."
Niedersachsen hält bundesweit die Führung an installierter
Biogas-Leistung. Prof. Nelles hofft, dass sich die Zahl von bundesweit
rund 3500 Biogasanlagen bis 2010 auf rund 10.000 erhöhen wird.
Polizeibericht
Laut Bericht der Polizeiinspektion Rotenburg hatte
eine "Verkettung chemischer Reaktionen, deren Wirkung sich aufgrund
eines Defektes im Annahmebereich der Biogasanlage entfalten konnte",
in der Anlieferungshalle eine tödliche Schwefelwasserstoff-Wolke
freigesetzt. Molkerei- und tierische Abfallprodukte mit niedrigem
pH-Wert vom Vortag vermischten sich an jenem Morgen in Rhadereistedt
mit alkalischen, 60 Grad warmen und stark sulfidhaltigen tierischen
Abfallprodukten aus einem Tanklastzug, der über Nacht auf dem Gelände
gewartet hatte. Die Reaktion des regelmäßig angelieferten
"Schweinedünndarmschleimes", ein Reststoff aus der Gewinnung des
Blutgerinnungshemmers Heparin in einer niederländischen
Pharmaproduktion, mit den vorhandenen sauren Resten vom Vortag führte
zur Bildung des konzentrierten und hoch giftigen Schwefelwasserstoffes
(H2S). Dieser konnte sich in der Anlieferungshalle
ausbreiten, weil eine große Klappe über der Anlieferungs- bzw.
Vorgrube wegen eines defekten Elektromotors offen stand. Drei
Mitarbeiter der Biogasanlage und ein niederländischer Lkw-Fahrer
starben, ein weiterer Schwerverletzter ist nach mehreren Tagen im Koma
inzwischen wieder ansprechbar. |