Heidelberger Max-Planck-Forscher und
britische Wissenschaftler verfolgen die Bewegung von Atomkernen in
Molekülen mit einer Rekord-Zeitauflösung.
Werden Atome oder Moleküle von einem kurzen
intensiven Laserpuls getroffen, geben sie hochfrequente Strahlung im
extremen UV-Bereich ab. In Molekülen wird dieser Prozess von den
Schwingungen der Atome beeinflusst. Vergleicht man die Spektren von
unterschiedlich schweren, aber sonst gleichartigen Molekülen
(Isotopen), dann kann man aus der gemessenen Strahlung auf die
Bewegung der Atome schließen. Mit dieser Methode gelang es dem
Forscherteam erstmals, Informationen über die Zeitentwicklung des
Moleküls zu erhalten - und zwar schon mit einzelnen, extrem kurzen
Laserpulsen (Science Express, 2. März 2006, siehe unten).
Die Messung von zeitabhängigen
Abläufen in Molekülen wurde in den letzten Jahrzehnten durch die
ständige Verbesserung der Lasertechnologie revolutioniert. Einen
gewaltigen Fortschritt bedeuteten Femtosekundenpulse: Extrem kurze
Laserblitze, die nur einige Billiardstel Sekunden (10-15 s) dauern.
Das Licht legt in dieser Zeit nur tausendstel Millimeter zurück. Zum
Vergleich: Während der normalen Verschlusszeit einer Fotokamera (1/60
s) schafft Licht die Strecke zwischen Berlin und New York. Mit
Femtosekundenpulsen konnten Nobelpreisträger Ahmed Zewail und andere
vor etwa 20 Jahren erstmals den Zeitverlauf chemischer Reaktionen in
Echtzeit verfolgen. Ihre Experimente basierten stets auf dem
Pump-Probe-Prinzip: Ein Laserpuls startet eine Reaktion (Pump), ein
zweiter Puls macht eine Momentaufnahme des Moleküls (Probe). "Filmen"
kann man die zeitlichen Vorgänge im Molekül, indem man hintereinander
viele Einzelaufnahmen mit unterschiedlichen Verzögerungszeiten
zwischen Pumppuls und Probepuls herstellt.
Doch die bislang schnellsten
Messungen zur Moleküldynamik wurden jetzt mit einem neuen
Messverfahren am Imperial College London durchgeführt (Blackett
Laboratory Laser Consortium, Direktor Prof. Jon Marangos). Die
Grundlage dafür bildet eine Theorie, die von Forschern der
Max-Planck-Gesellschaft um Dr. Manfred Lein ausgearbeitet wurde. In
den neuartigen Experimenten wird nur ein einzelner
Femtosekunden-Laserpuls auf die Probe geschickt. Dieser Puls erzeugt
ein elektrisches Feld, das ausreicht, um den bestrahlten Molekülen zu
gewissen Zeitpunkten ein Elektron zu entreißen. So wird in dem aus dem
Gleichgewicht geratenen Molekülrumpf ein Bewegungsablauf angestoßen.
Weil das Feld des Laserpulses periodisch die Richtung wechselt, kann
es das freie Elektron zum Ion zurücktreiben. So können sich Elektron
und Molekülrumpf wieder vereinigen - und dabei ein hochfrequentes
UV-Photon aussenden. Dieser Prozess - und damit die Intensität der
UV-Emission - wird um so unwahrscheinlicher, je weiter sich das
Molekül in der Zwischenzeit von der Anfangskonfiguration entfernt hat.
In der Sprache der Quantenmechanik: Die Wahrscheinlichkeit für
Rekombination hängt vom Überlapp zwischen Anfangs- und
Endwellenfunktion der Atombewegung ab. Durch Messung der Intensität
des UV-Lichtes kann man also auf die zeitliche Entwicklung des
Moleküls schließen.
Abb.:Rohdaten der
gemessenen UV-Strahlung, die von Wasserstoff (H2)- bzw.
Deuteriummolekülen (D2) unter dem Einfluss eines
starken Laserpulses emittiert wird. Zunehmende Pixelnummer
entspricht abnehmender UV-Wellenlänge. Die stärkere Intensität des
D2-Signals spiegelt die langsamere Vibration im
Vergleich zu H2 wider.
Bild: Imperial
College London
Leider wird die Intensität der
ausgesandten UV-Strahlung neben der Kerndynamik noch von vielen
anderen Faktoren beeinflusst, zum Beispiel von der Wahrscheinlichkeit
für die Ionisation des Moleküls. Dieses Problem umgingen die Forscher
mit einem Trick: Sie betrachteten die Spektren zweier verschieden
schwerer Isotope eines Moleküls. Isotope haben weitgehend identische
Eigenschaften; sie unterscheiden sich nur durch die Masse der
Atomkerne und führen deshalb unterschiedlich schnelle Kernbewegungen
aus. Die jetzt veröffentlichten Experimente vergleichen zum einen die
Spektren von Wasserstoffmolekülen (H2) mit denen doppelt so
schwerer Deuteriummoleküle (D2) (s. Abb.), zum anderen
werden die Spektren der Methanisotope CH4 und CD4
gegenübergestellt.
Bei der Messung der zeitlichen
Entwicklung des Moleküls nutzten die Wissenschaftler einen glücklichen
Umstand: Schon ein einziger Laserpuls erzeugt ein ganzes Spektrum an
UV-Frequenzen, wobei die Frequenz des UV-Lichtes der Zeitdauer
zugeordnet werden kann, die ein zurückkehrendes Elektron "im Freien"
verbracht hat. Die höchsten Frequenzen stammen von den Elektronen, die
am längsten unterwegs waren. Die Zeitauflösung der Messung ist also
durch die Differenz benachbarter UV-Frequenzen im Spektrum bestimmt
und liegt bei etwa einem Zehntel einer Femtosekunde. Durch Zuordnung
von Frequenz und Zeit kann man aus den Spektren zweier
unterschiedlicher Isotope die Zeitentwicklung rekonstruieren. Diese
Aufgabe wurde im Falle des Wasserstoffexperiments mit Hilfe eines
aufwändigen genetischen Algorithmus per Computer erledigt. Die genaue
Analyse der Methandaten ist wesentlich komplizierter und steht noch
aus.
Ein wesentlicher Vorteil der neuen
Methode gegenüber dem traditionellen Pump-Probe-Prinzip besteht darin,
dass schon ein einzelner Laserpuls genügt, um ein ganzes Intervall an
Verzögerungszeiten abzutasten. Das vielfache Wiederholen des
Experiments mit unterschiedlichen Pump-Probe-Abständen entfällt. Die
Erstautorin der Originalveröffentlichung, Dr. Sarah Baker, meint: "We
are very excited by these results, not only because we have watched
motion occurring faster than was previously possible, but because we
have achieved this using a compact and simple technique that will make
such study accessible to scientists around the world."