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Jülicher Wissenschaftler messen
Sauerstoffgehalte in der mikroskopischen Welt der Atome.
Jülich, 26. März 2004 - Nobody is perfect! Das gilt
nicht nur für Menschen, sondern auch für viele Materialien. So bilden
etwa Perowskite - sie spielen in der modernen Elektronik eine wichtige
Rolle - in der Praxis niemals die perfekt geordneten Kristalle, die
man für ihre Anwendung benötigt. Vielmehr "schleichen" sich stets
verschiedenste Defekte ein, die wichtige Eigenschaften des Materials
beeinflussen. Auf dem Weg zu neuen Bauelementen ist das Defektproblem
eines der entscheidenden Hindernisse. In den Perowskiten weicht dabei
insbesondere der Sauerstoffgehalt lokal von der idealen
Zusammensetzung ab. Mit einem speziellen hochauflösenden
Elektronenmikroskop können Wissenschaftler des Forschungszentrums
Jülich diesen Sauerstoffgehalt jetzt erstmals mit atomarer Auflösung
messen und so Defekte quantitativ analysieren. Damit wird es in
Zukunft möglich sein, nicht nur die Eigenschaften dieser Defekte zu
verstehen, sondern sie auch durch geeignete Fabrikationsmethoden
weitgehend zu vermeiden. Dies eröffnet den Weg zu neuen elektronischen
Speichern und noch kleineren mikroelektronischen Bauelementen. Die
Ergebnisse der Jülicher Wissenschaftler sind in der neuen Ausgabe der
renommierten Zeitschrift "Science" veröffentlicht (Science, 26. März
2004). |
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Keramische Materialien auf der Basis von Oxiden mit
Perowskitstruktur - zu ihnen gehören Barium- oder Strontiumtitanat -
spielen eine große Rolle in der modernen Elektronik. Als Chip in
Telefon- oder Geldkarten finden sie heute bereits breite Anwendung.
Perowskite sind auch das Basismaterial für Hochtemperatursupraleiter
und werden zukünftig zunehmend in der Mikroelektronik benötigt. Dort
werden sie in dünnsten Schichten von nur einigen zehn bis einigen
hundert Atomlagen eingesetzt. Eines der wichtigsten Probleme auf dem
Weg dorthin ist die korrekte Einstellung des Sauerstoffgehaltes dieser
Oxide, der dann über die große Zahl von Prozessschritten bei der
Bauelementherstellung beibehalten werden muss. Dabei sind die
Anforderungen hoch: Schon das Fehlen weniger Sauerstoffatome in den
elektrisch aktiven Zonen der dünnen Schichten kann deren Funktion
deutlich beeinträchtigen.
"Wie viel 'wenige' Sauerstoffatome sind, können wir
jetzt erstmals messen", erläutert Prof. Knut Urban vom Jülicher
Institut für Festkörperforschung (IFF). "Dabei registrieren wir mit
unserem Transmissions-Elektronenmikroskop nicht etwa den
Sauerstoff-Durchschnittsgehalt der gesamten Probe, wie man das bislang
getan hat. Wir können Bereiche mit einem Durchmesser in der
Größenordnung eines Atoms anschauen - wir messen also mit atomarer
Auflösung." Als Beispiel haben die Wissenschaftler eine häufig
vorkommende Art von Defekt in einem dünnen Film aus Bariumtitanat
(BaTiO3) untersucht. Dabei liegt in der dünnen Probe nicht nur eine
Kristallorientierung vor, sondern mehrere. In eine vorherrschende
Orientierung sind winzige, nanometerkleine Bereiche mit zwei weiteren
Orientierungen eingebettet, die an so genannten Korngrenzen
aufeinandertreffen. Da die untersuchte Probe lediglich drei Nanometer,
also drei millionstel Millimeter, dünn ist, liegen auf einem Punkt nur
etwa zehn Plätze für Sauerstoffatome säulenartig übereinander. Die
Wissenschaftler haben festgestellt, dass an den Korngrenzen ein
Drittel dieser Plätze leer ist, das heißt in jeder Säule fehlen etwa
drei bis vier Sauerstoffatome. "Unsere Ergebnisse werden exzellent
bestätigt durch strukturchemische Untersuchungen anderer
Arbeitsgruppen", berichtet Dr. Chun Lin Jia, ebenfalls Autor des jetzt
veröffentlichten Science-Artikels. "Diese haben aus ihren Messungen
indirekt auf das Fehlen von einem Drittel der Sauerstoffatome
geschlossen."
Für ihre Messungen haben die Wissenschaftler
zusammen mit Kollegen vom European Molecular Biology Laboratory (EMBL)
in Heidelberg und von der Technischen Universität Darmstadt ein
spezielles Elektronenmikroskop entwickelt, mit dem sie erstmals
Sauerstoffatome direkt sichtbar machen konnten (Jia, Lentzen, Urban,
Science, Vol. 299, S. 870, 7. Februar 2003). In der aktuellen
Science-Veröffentlichung sind die Wissenschaftler einen wichtigen
Schritt weitergekommen. "Im ersten Schritt haben wir mit unserem
Mikroskop Bilder von Sauerstoffatomen in Perowskiten erhalten. Sie
verraten uns die chemische Struktur des Materials", erläutert Knut
Urban. "Wir haben über ein Jahr daran gearbeitet, um den
quantenphysikalischen Hintergrund dieser Bilder genau zu verstehen.
Das Resultat ist, dass wir jetzt die Sauerstoffatome nicht nur sehen,
sondern auch ihren Gehalt - die chemische Konzentration - messen
können." Für die Zukunft haben die Jülicher Wissenschaftler damit
einen vielversprechenden Weg aufgezeigt, um die Eigenschaften von
Perowskiten zu kontrollieren. Denn: Sie können mit atomarer Auflösung
Defekte analysieren, die aus bestimmten Präparationsbedingungen
resultieren und diese Defekte mit den beobachtbaren Eigenschaften der
Perowskite korrelieren. So können sie nachvollziehen, wie solche
Defekte die Material-Eigenschaften beeinflussen und letztendlich
Materialien mit maßgeschneiderten Eigenschaften herstellen. |