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Ob die Festplatte von morgen, Optik mit Hightech,
die Physik der Gene oder Metalle mit "Gedächtnis" - verschiedenste
Themen aus Forschung und Technik stehen im Mittelpunkt einer
Frühjahrstagung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG), die
vom 8. bis 12. März 2004 an der Universität Regensburg stattfindet.
Zum weltweit zweitgrößten Kongress mit dem Schwerpunkt
"Festkörperphysik" reisen fast 4.000 Fachleute aus Europa und Übersee
in die Stadt an der Donau. Unter den Gästen: der deutsche
Nobelpreisträger Wolfgang Ketterle und sein russisch-amerikanischer
Kollege Alexei Abrikosov. In Regensburg ist außerdem die Physik
sozio-ökonomischer Systeme vertreten. Deshalb zählen auch die
Stauforschung sowie die Analyse von Massenpaniken zu den Themen, die
während der Tagung diskutiert werden. Ein weiterer Schwerpunkt ist die
Biophysik. Hier geht es insbesondere um die molekulare Maschinerie der
Zellen. Und auch dem allgemeinen Publikum hat die Tagung einiges zu
bieten: öffentliche Vorträge behandeln zum einen die Frage "Sind wir
allein im Universum?", anderseits den natürlichen Magnetkompass der
Vögel. Lehrerfortbildungen, eine Jobbörse und eine Ausstellung über
die Geschichte der Vakuumforschung runden das Programm ab.
Nobelpreisträger Wolfgang Ketterle eröffnet die
Tagung mit einem Vortrag über die "kälteste Materie des Universums":
das Bose-Einstein-Kondensat. Für seine Arbeiten auf diesem Gebiet
wurde der deutsche Quantenforscher im Jahre 2001 mit dem
Physik-Nobelpreis geehrt. In jüngster Zeit ist rund um die so
genannten Quantengase, zu denen auch das Bose-Einstein-Kondensat
gehört, einiges in Bewegung geraten. Von diesen Studien versprechen
sich Wissenschaftler neue Erkenntnisse über die Supraleitung. Hierbei
geht es um Materialien, die den elektrischen Strom verlustfrei
transportieren (siehe
http://physicsweb.org/article/news/8/1/14).
Bei der Chip-Produktion stößt die Technik
allmählich an ihre Grenzen. Um noch filigranere Schaltkreise
herzustellen, werden die Ingenieure der Zukunft wohl auf neue
Fertigungstechniken zurückgreifen müssen. Viele Wissenschaftler setzen
dabei auf eine Kombination chemischer und physikalischer Verfahren.
Der Methodenmix soll es ermöglichen, sogar einzelne Moleküle gezielt
in Stellung zu bringen. Eine mögliche Route zu immer kleineren "Bits"
zeichnet am Mittwoch, dem 10. März, IBM-Forscher Thomas Theis. Titel
seines Plenarvortrags: "Nanotechnology and the future of information
technology" (siehe
http://www.cio.com/archive/070102/et_pundits.html). Am Freitag,
dem 12. März, spricht Paul Chaikin (Princeton University) ebenfalls
über Fertigungsmethoden für die "Nanowelt" (ein Nanometer ist ein
millionstel Millimeter). Chaikins Team fand im Übrigen kürzlich
heraus, dass sich Ellipsoide dichter als Kugeln packen lassen. Und
dieses Ergebnis dürfte nicht nur Naschkatzen interessieren, die ihre
Schokolinsen stapeln wollen. Es könnte auch beim Design hochdichter
Werkstoffe weiterhelfen (siehe
http://physicsweb.org/article/news/8/2/8).
Während Computer-Ingenieure an immer schnelleren
Schaltkreisen basteln, entwickelt die Festplatten-Industrie neue
Archivierungsmedien für noch mehr Bytes. Über die Datengiganten der
Zukunft berichtet am Freitag, dem 12. März, Dieter Weller vom
Speicher-Spezialisten Seagate Technology (siehe
http://www.phys.put.poznan.pl/nato-arw02/pdf/Weller.pdf).
Mit einer kaum beachteten Fachpublikation erblickte
1954 die Solarzelle das Licht der Welt. Das Pentagon winkte damals ab:
kein Interesse. Mit dem Sputnik-Schock sollte sich einiges ändern.
Denn die Solarzelle entpuppte sich als ideale Energiequelle, um
Satelliten mit Strom zu versorgen. Inzwischen wird sie auch auf dem
Erdboden immer beliebter. Das Symposium "Fünfzig Jahre Solarzelle" am
Dienstag, dem 9. März, beleuchtet die aktuelle technische Entwicklung
und diskutiert über die Solarzelle der Zukunft - ist sie vielleicht
aus Kunststoff?
Um Physik und Technik geht es auch beim
Industrietag, den der Ausschuss "Industrie und Wirtschaft" am
Donnerstag, dem 11. März, ausrichtet. Unter dem Leitmotiv "Optische
Technologien / Photonik" zeigen Industrieforscher wie
Hightech-Sensoren das Autofahren sicherer machen und wo die moderne
Optik noch zum Einsatz kommt. Die Veranstaltung schließt mit der
Podiumsdiskussion "Photonik: Quo Vadis?".
Weitere Einblicke in die Festkörperforschung bieten
Beiträge über Nanopartikel (Symposium am 9. März), organische
Halbleiter (Fachsitzung am 9. März) und Metalle mit "Memory-Effekt"
(Fachsitzung am 11. März). Aus solchen Werkstoffe werden zum Beispiel
Gefäßstützen ("Stents") gefertigt. Der Pfiff: vor dem chirurgischen
Eingriff ist die Gefäßstütze kompakt zusammengefaltet. Erst an Ort und
Stelle nimmt sie aufgrund der Körperwärme ihre endgültige Gestalt an.
Das Material "erinnert" sich gewissermaßen an eine vorher eingeprägte
Form.
Das Tagungsprogramm umfasst zudem Vorträge über
Quantenpunkte (M. Bayer/Uni Dortmund, 9. März) und
Kohlenstoff-Nanoröhren (W. Hoenlein/Infineon Technologies, 12. März).
Außerdem stellen Dresdner Forscher das SupraTrans-Projekt vor. Ziel
des Vorhabens ist die Entwicklung eines Fahrzeugs, das per
Supraleitung in der Schwebe gehalten wird (O. de Haas/IFW Dresden, 9.
März).
In Regensburg geht es ferner um die mikroskopischen
Vorgänge, die das Leben in Schwung halten. Während die Nanotechnologie
noch daran tüftelt, Motoren von molekularen Dimensionen herzustellen,
ist die Natur schon längst soweit: In biologischen Zellen wandeln
filigrane Proteingebilde chemische Energie in mechanische Arbeit um.
Sie sorgen für Stofftransport, Fortbewegung, kopieren die
Erbinformation und spielen auch bei der Zellteilung eine Rolle.
Zahlreiche Tagungsbeiträge befassen sich mit dieser Thematik -
darunter das Symposium "Life Sciences on the nanometer scale - physics
meets biology" am Mittwoch, dem 10. März. Ein weiteres Highlight ist
der Plenarvortrag von David Nelson (Harvard University) am Dienstag,
dem 9. März. Dabei geht es um die Physik der DNS - also um die
Eigenschaften jenes Molekül, auf dem die Erbanlagen hinterlegt sind
(siehe
http://physicsweb.org/article/world/16/3/1/1).
Kollektive Phänomene - ob Verkehrsfluss,
Aktienkurse oder Panikmassen - stehen im Blickfeld des Arbeitskreises
"Physik sozio-ökonomischer Systeme" (AKSOE), der am Tagungsprogramm
mit zahlreichen Beiträgen beteiligt ist. Darunter Vorträge, die sich
mit der Ausbreitung von Epidemien oder der Wählerwanderung in
Deutschland befassen. In dieses Fachgebiet fällt auch der Vortrag "The
dynamics of information" am Dienstag, dem 9. März. Der US-Forscher
Bernardo Huberman (HP Labs) wird dabei beschreiben, wie sich
Nachrichten in unserer modernen Gesellschaft verbreiten. Direkt im
Anschluss verleiht der AKSOE den "Young-Scientist Award for Socio- and
Econophysics". Dieser internationale Nachwuchspreis ist mit 5.000 Euro
dotiert, gestiftet von der Unternehmensberatung McKinsey & Company. In
diesem Jahr geht die Auszeichnung an Illes Farkas (25) von der Eötvös
University in Budapest. Der ungarische Physiker untersucht das
Verhalten von Menschenmassen mithilfe von Computersimulationen. In
Farkas' Arbeitsgebiet fallen Paniksituationen und auch die berühmten "La-Ola-Wellen",
die bei Fußballspielen immer wieder durch die Stadien schwappen. Die
Grundlagen für diese Studien entstammen der Vielteilchenphysik. Wie
geraten bei einem Schiffsunfall die Passagiere möglichst rasch von
Bord? Wie sollte der Evakuierungsplan für eine Sportarena aussehen?
Bei Farkas' Forschung geht es letztlich auch um solche Fragen (siehe
http://angel.elte.hu/wave).
Auf einer Festsitzung am Mittwoch, dem 10. März,
erhält Frank Steglich (62), Dresdner Experte für Supraleitung, die
höchsten Auszeichnung der DPG für experimentelle Physik: die
Stern-Gerlach-Medaille. Außerdem wird der Hamburger
Nanowissenschaftler Markus Morgenstern (37) mit den
Walter-Schottky-Preis für Festkörperforschung ausgezeichnet. Dieser
Preis wird von Siemens und Infineon Technologies gefördert und ist mit
15.000 Euro dotiert (s. Pressemitteilung der DPG 25-2003). Den
Festvortrag "Und sie bewegt sich doch! - Wie man eine richtig gute
Universität macht" hält Jürgen Mlynek, Präsident der Berliner
Humboldt-Universität.
Nach dem enttäuschenden Abschneiden deutscher
Schülerinnen und Schüler im internationalen Bildungsvergleich
schrillen hierzulande die Alarmglocken: um Lesen und Schreiben,
Mathematik und Naturwissenschaften ist es in unseren Klassenzimmern
nicht zum Besten bestellt. Wie lässt sich etwa der Physik-Unterricht
effektiver und attraktiver gestalten? Denkanstöße bieten die
"Lehrertage" am 10., 12. und 13. März. Im Rahmen dieser kostenfreien
Fortbildung können sich Lehrerinnen und Lehrer über aktuelle Themen
aus Physik und Didaktik informieren. Zu den Veranstaltungen am 10.
März sind auch Schülerinnen und Schüler besonders willkommen. Auf dem
Programm stehen ein Vortrag mit Live-Experimenten und die Mitmach-Show
der "Physikanten" - sie mixen Wissenschaft und Comedy zu einem äußert
vergnüglichen Cocktail.
Neben zahlreichen Fachbeiträgen bietet das
Tagungsprogramm auch zwei öffentliche Abendvorträge im Audimax der
Universität Regensburg. Beide Vorträge beginnen jeweils um 20:00 Uhr,
der Eintritt ist frei. Unter dem Titel "Magnetorientierung bei Vögeln"
spricht am 10. März Wolfgang Wiltschko (Universität Frankfurt a. M.)
über den "Kompass", mit dessen Hilfe Zugvögel den Weg nach Süden und
Brieftauben zurück in den heimischen Taubenschlag finden. Und am 11.
März wirft Harald Lesch (LMU München) die Frage auf: "Sind wir allein
im Universum?". Der Philosoph und Astrophysiker moderiert die Sendung
"ALPHA CENTAURI" im Bayerischen Fernsehen.
Zum öffentlichen Begleitprogramm zählen außerdem
die Kunstaktion "Grenzflächen - ästhetische Aspekte der Physik" sowie
die Ausstellung "Vakuum und die Anfänge der Physik in Regensburg". Und
ein weiteres Bonbon: auf eine Zeitreise zu den Anfängen der
Vakuumforschung lädt eine Vorführung vor dem Zentralgebäude der
Universität Regensburg ein. Unter dem Motto "Vakuum live" werden
wissenschaftliche Versuche aus dem 17. Jahrhundert vorgeführt. Sie
gehören zu jenen Schauexperimenten, mit denen Otto von Guericke einst
die Existenz von Vakuum und Luftdruck demonstrierte. Die Vorführung
beginnt am 8. März, um 13:00 Uhr. |