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Nach neuen Erkenntnissen aus der
Genom- und der biologischen Strukturforschung wird immer deutlicher,
dass die meisten Proteine in der Zelle nur im Verbund mit anderen
Proteinen als so genannte "molekulare Maschinen" ihre eigentlichen
Funktionen ausüben können. Molekulare Maschinen - wie etwa das Ribosom
- besitzen nicht nur einen äußerst komplexen Aufbau, sie unterliegen
auch einer komplizierten Regulation bei ihrem Betrieb. Die zentrale
Frage, wie die einzelnen Partner dabei zusammenarbeiten, damit die
jeweiligen Körperfunktionen reibungslos ablaufen können, ist daher
eine der großen Herausforderung in der modernen Strukturbiologie.
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Abb.: Die Umlagerung
von SRP am Ribosom exponiert die Translokon-Bindungsstelle.
Bild:
Max-Planck-Institut für molekulare Genetik |
Die Sortierung von Proteinen ist
ein essentieller Schritt bei der Genexpression aller Organismen, von
den Bakterien bis hin zum Menschen. Von entscheidender Bedeutung ist
das Sortieren bei der Biosynthese von sekretorischen Proteinen, also
Proteinen, die später aus der Zelle ausgeschleust werden, wie etwa
Antikörper, sowie von Membranproteinen, wie etwa Rezeptoren für
neuronale Botenstoffe und andere Signalmoleküle. Etwa 30 Prozent aller
Proteine in Genom von eukaryotischen Zellen sind entweder
sekretorische oder Membranproteine. Die Mehrzahl dieser Proteine wird
bereits während ihrer Biosynthese in einem Mechanismus sortiert, den
man als kotranslationale Translokation bezeichnet.
Besonders wichtig ist dabei ein
molekularer Komplex, der aus einem aktivem Ribosom, also einer
Protein-Synthese-Maschine der Zelle, sowie einem
Signalerkennungsprotein (engl. signal recognition particle, SRP) und
dem entsprechenden Rezeptor gebildet wird. Die Struktur dieses
molekularen Komplexes aufzuklären ist nun dem Wissenschaftlerteam von
Charité, Universität Heidelberg und Max-Planck-Institut für molekulare
Genetik gelungen.
Schlüsselelement für die
Funktionsweise dieser molekularen Maschine ist eine Signalsequenz, die
sich am N-terminalen Ende der zu sortierenden Proteine befindet. Diese
Sequenz fungiert quasi als "Postleitzahl" in der Zelle. Das
Signalerkennungsprotein (SRP) liest diese Sequenz, sobald sie das
Ribosom am Anfang einer gerade neu-gebildeten Proteinkette verlässt.
SRP bindet an das Ribosom und leitet dieses unter Beteiligung des
SRP-Rezeptors zum so genannten Translokon-Komplex in der Membran des
endoplasmatischen Reticulums (ER). Dieser Komplex wiederum besteht aus
einem "proteinleitenden Kanal" und weiteren Membranproteinen. Das
Ribosom wird am Translokon verankert und fährt erst dort mit der
Proteinbiosynthese fort, wobei die neue Proteinkette dann entweder
durch die Membran des endoplasmatischen Reticulums transportiert (Translokation)
oder in diese selbst eingebaut wird.
Hierbei ist bemerkenswert, dass
das Ribosom nicht mehr an das Translokon binden kann, sobald es SRP
gebunden hat. Hierzu benötigt es die Unterstützung des SRP-Rezeptors,
der das Ribosom von SRP auf das Translokon überträgt. Die nun
aufgeklärte Struktur des Komplexes zeigt, wie der Rezeptor mit dem
Ribosom bzw. SRP interagiert und hierbei Teile des SRP-Moleküls vom
Ribosom verdrängt. Erst auf diese Weise werden spezifischen
Bindestellen am Ribosom für das Translokon zugänglich. Die Aufklärung
dieses Schrittes ist ein wichtiger Baustein zum Verständnis, auf
welche Weise die komplizierte Expression von sekretorischen bzw.
Membranproteinen in der Zelle funktioniert.
Das Berliner
UltraStrukturNetzwerk (USN)
Das UltraStrukturNetzwerk ist ein
Projektverbund, der sich zum Ziel gesetzt hat, komplizierte
"molekulare Maschinen" mit modernsten Methoden wie der
Massenspektrometrie (MS) und der Kryo-Elektronenmikroskopie (Kryo-EM)
zu untersuchen. Der Verbund wurde vom Max-Planck-Institut für
molekulare Genetik in Kooperation mit der Charité initiiert und
vernetzt inzwischen mehr als 15 Arbeitsgruppen in der Region
Berlin-Brandenburg. Neben den drei Berliner Universitäten FU, TU und
HU gehören dazu auch das Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin,
Leibniz-Institut für Molekulare Pharmakologie (FMP), die Universität
Potsdam sowie das Max-Planck-Institut für molekulare
Pflanzenphysiologie in Potsdam.
Mit Unterstützung durch
Europäische Fördermittel und der Berliner Senatsverwaltung für
Wissenschaft, Forschung und Kultur (Gesamtvolumen: 8 Mio. Euro) wurde
im UltraStrukturNetzwerk die technologische Infrastruktur für die
Analyse von "molekularen Maschinen" geschaffen. Die Core-Facilities,
darunter ein 300 kV Tecnai G2 Polara Kryo-Elektronenmikroskop, sind am
Max-Planck-Institut für molekulare Genetik lokalisiert. Die
Strukturaufklärung des Ribosom-SRP-SRP-Rezeptor-Komplexes gehört zu
den ersten Forschungsergebnissen, die bereits in der Aufbauphase des
USN erzielt werden konnten. |