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Mathematiker bauen die Farey
Hierarchie, eine Reihe rationaler Zahlen, auf, indem sie von dem
Zahlenpaar 0 und 1 ausgehen, die sie als Brüche, also 0/1 und 1/1
schreiben. Zur nächsten Stufe der Hierarchie gelangen sie, wenn sie
zwischen diesen beiden Zahlen die Summe der beiden Zähler und Nenner
einfügen, also den Bruch 1/2. Im nächsten Schritt kommen die Werte 1/3
und 2/3 dazu, und so weiter. Der Nenner darf jedoch nicht größer
werden als die Nummer der Stufe, auf Stufe 3 also nicht größer als 3
und auf Stufe 7 nicht größer als 7. Diese Zahlenpyramide ist nach dem
Geologen John Farey benannt, der sie 1816 konstruierte. Allerdings
hatte sie unabhängig davon der Wissenschaftler C. Haros schon 14 Jahre
zuvor bewiesen.
"Wir haben jetzt herausgefunden,
dass die Farey-Hierarchie beschreibt, wann Quantenbeschleunigungsmoden
auftreten", sagt Andreas Buchleitner. Quantenbeschleunigungsmoden sind
für Physiker interessant, weil sich Atome in diesen Zuständen in einer
geordneten Formation bewegen. Und sich auch von kleineren Störungen
nicht durcheinanderbringen lassen. Da sich Atome den Gesetzen der
Quantenmechanik zufolge auch als Wellen beschreiben lassen, bedeutet
das: Die Wellenpakete sind scharf lokalisiert und zerfließen auch bei
kleineren Störungen nicht.
Dass sich Teilchen so scharf
lokalisieren lassen und diese Schärfe über längere Zeit erhalten
bleibt, kennen Physiker sonst nur aus der klassischen Physik: Sie
beschreibt ganz genau, wann sich ein geworfener Ball wo in der Luft
aufhält - egal wie lange er fliegt.
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Bild: Andreas
Buchleitner / Max-Planck-Institut für Physik komplexer System |
Abb. 1: Ein Netz der
Stabilität: Aus dem Diagramm lässt sich ablesen, wann Atome in
Quanten-Beschleunigungsmoden landen. K gibt die Stärke der
Laserkicks bzw. der Kopplung zwischen Laserpulsen und den Atomen
an, W wird durch den lokalen Wert des Erdschwerefeldes und die
Kickperiode, sprich den zeitlichen Abstand zweier Laserkicks,
bestimmt. Je besser die Kickperiode der exakten Resonanz-
bedingung entspricht (entlang der gepunkteten Linie zu immer
kleineren Werten von K), desto höher steigt man in der Farey
Hierarchie. So nähern sich Physiker dem tatsächlichen Wert des
lokalen Schwerefeld immer weiter ein. Solange die Wechselwirkung
zwischen den Atomen und einem Laserstrahl von einem Paar aus K und
W beschrieben wird, das auf einem der farbigen Keile liegt,
befinden sich die Atome in einem Quanten-Beschleunigungsmodus.
Wenn sich die Keile überlappen und verzweigen können die Atome
leichter aus der Formation ausbrechen. |
Atome in diese Zustände zu
versetzen, ist jedoch eine diffizile Angelegenheit. Physiker schaffen
das zum Beispiel bei Cäsium-Atomen, indem sie die Teilchen auf den
Pulsen eines Lasers hüpfen lassen. Die Kraft, die jedes einzelne Atom
davor bewahrt, zur Erde zu plumpsen, steckt in dem elektromagnetischen
Feld des Laserlichts. Dieses Feld wirkt wie eine Kuhle, in der ein
Ball, in diesem Fall das Atom, zum tiefsten Punkt rollt. Beim
Laserpuls entspricht die Kuhle dem Tal der Lichtwelle. In deren
elektromagnetisches Feld verfängt sich ein Atom, weil die negativen
Elektronen um seinen positiven Kern flitzen und so einen schwingenden
elektrischen Dipol bilden.
Anders als eine Delle im Boden ist
die elektromagnetische Kuhle des Lichts jedoch mal da und mal nicht
da, wenn Physiker Atome mit Laserpulsen in der Schwebe halten. Jeder
neue Puls verpasst den Atomen daher einen Kick. In welche Richtung der
Kick ein bestimmtes Atom schubst, hängt davon ab, wo das Teilchen zu
liegen kommt, wenn der Laser aufblitzt. Landet es links vom tiefsten
Punkt des Wellentals, bekommt es einen Kick nach rechts und umgekehrt.
Wenn sich die Richtungen der Kicks in zufälliger Reihenfolge
abwechseln, ist völlig unvorhersehbar, wo sich ein einzelnes Atom nach
einer bestimmten Zahl von Kicks befinden wird: Die Bewegung endet im
Chaos, und die einzelnen Atome eines Ensembles werden bald ihre
eigenen Wege gehen.
Anders ist das, wenn alle Atome
immer an der selben Stelle der elektromagnetischen Kuhle landet: Dann
bewegen sie sich in einer Formation und noch dazu in sehr
berechenbarer Weise. Physiker sprechen in diesem Fall von einer
nicht-linearen Kopplung oder Resonanz zwischen Laserpuls und Atomen.
Den Trick, Atome an Laserpulse zu koppeln, sprich sie in geordnet auf
einer Laserwelle tanzen zu lassen, beherrschen Forscher seit einigen
Jahren. Sie geben den Teilchen dabei mit den Laserpulsen genau
kalkulierte Kicks. Physikalisch ausgedrückt, verändern sie damit den
Impuls der Atome in regelmäßiger und kalkulierbarer Weise.
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Abb. 2:
Resonanzinseln im Meer von Chaos: Die Atome lassen sich von den
Laserpulsen einfangen, wenn J und q in einer der Ellipsen liegen.
J gibt die Wirkung des Pulses wieder. q gibt an, wo das Atom in
der elektromagnetischen Mulde des Laserpulses zu liegen kommt, wie
weit entfernt also vom Minimum des Potenzials. Im verrauschten
Gebiet rund um die Inseln der Resonanz bewegen sich die Atome
chaotisch.
Bild: Andreas
Buchleitner / Max-Planck-Institut für Physik komplexer Systeme |

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Die Bedingungen, unter denen die
nicht-lineare Resonanz auftritt, stellen sie in einem speziellen
Diagramm dar. Dieses Bild gibt wieder, wie sich ein Teilchen unter
einem bestimmten äußeren Einfluss, etwa unter Beschuss mit einem Laser
verhält. Meistens lässt sich darüber nicht viel sagen - da es sich
chaotisch aufführt. Nur einige Inseln bieten in diesem Meer von Chaos
eine Zuflucht. In ihrem Mittelpunkt sind Laser und Atom so aufeinander
abgestimmt, dass es zur Resonanz kommt. Aber auch wenn Laser und Atom
nicht ganz genau aufeinander abgestimmt sind, kommt es noch zur
Resonanz. Wie weit das Atom und der Laserpuls gegenüber der optimalen
Resonanz-Bedingung verschoben sein darf, hängt von der Stärke der
Laserkicks ab. Und letztendlich auch davon, wie stark das Atom an das
Laserlicht gekoppelt ist. Die Kraft der Laserpulse darf dabei weder zu
klein noch zu groß sein.
Dass Atome nicht mehr so leicht
aus einer Formation ausbrechen, wenn der Laser sie einmal eingefangen
hat, ist für Physiker sehr praktisch. Es erlaubt ihnen nämlich auch
kleine Schlampigkeiten in ihren Versuchsaufbauten: "Irgendwo haben sie
immer Dreck", sagt Buchleitner. Oder der Experimentiertisch zittert
unmerklich. Experimente, in denen wie zum Beispiel im harmonischen
Oszillator keine nicht-lineare Kopplung die scharfen Wellenpakete
stabilisiert, sind da sehr viel empfindlicher. "Dieser Effekt beruht
letztendlich darauf, dass die Kopplung zwischen dem Laserpuls und dem
Atom groß ist, verglichen mit der Störung", sagt Andreas Buchleitner.
Bislang beobachteten Physiker
diesen Effekt allerdings nur in quantenmechanischen Systemen, in denen
sie sich nahe an der Grenze zur klassischen Physik befinden. Für die
Gesetze der klassischen Physik sind Quanten, die physikalische Währung
der Quantenmechanik verschwindend klein. "Nun haben wir dieses
Phänomen erstmals tief in der quantenmechanischen Domäne beobachtet",
sagt Buchleitner. Also weit weg von der Grenze, jenseits derer die
Gesetze der klassischen Physik gelten. Das heißt die Quantelung, im
Falle von den Laserkicks die Quantelung des Impulses, bleibt eine
relevante Größe. Andreas Buchleitner und seine Kollegen variieren
vielmehr die Stelle der Laserwellen, an der das Atom landet, wenn der
Laserpuls kommt. Und stellen fest: Die Formation bleibt auch stabil,
wenn das Atom ein bisschen von der Idealposition abweicht, solange es
die Resonanzinsel nicht verlässt.
Dass die Formation der Atome auf
dem Laserstrahl nicht leicht zu erschüttern ist, lässt sich auch noch
unter einem anderen Blickwinkel betrachten: Es hängt, bildlich
gesprochen, mit der Topografie der Insel zusammen. Ihr Ufer ist
nämlich durch eine Art Damm gegen das Meer des Chaos gesichert. Um
diesen Wall zu überwinden müssen die Atome auf der Insel den Wall
durchtunneln. Überspringen können sie ihn nicht, weil ihre Energie
dafür nicht ausreicht. Die Wahrscheinlichkeit, den energetischen Damm
zu überwinden ist jedoch recht klein - so bleiben die Atome auf der
Insel der Stabilität gefangen.
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