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Nervenzellen unter dem Fluoreszenzmikroskop. Über
vielzählige Kontaktstellen (Synapsen; in grün) senden sie
Botschaften zu ihren Nachbarzellen.
© V. Haucke / Freie
Universität Berlin
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Die Mikroskope sind inzwischen so empfindlich,
dass die besten unter ihnen auf diese Weise sogar einzelne Moleküle
erspähen können. Selbst Filmaufnahmen sind mit der Technik möglich.
Die Geräte ermöglichen den Blick auf ein Gewimmel von Tausenden
verschiedener Eiweißstoffe - jeder einzelne hat seine lebenswichtige
Aufgabe in der komplizierten chemischen Choreographie der Zellen, die
ganze Organismen und letztlich denkende, fühlende Wesen entstehen
lässt. Haucke hat mit seinem jungen Team auf diese Weise gerade einen
neuen Akteur entdeckt: Das Molekül "Stonin 2" trägt dazu bei, dass
Nervenzellen dauerhaft Reize weiterleiten können, ohne bei längerer
Beanspruchung zu ermüden. Ein ähnliches Molekül kennt man bereits bei
Fruchtfliegen - wenn bei ihnen das Eiweißmolekül "Stoned" durch eine
Mutation defekt ist, dann erstarren die Fliegen unter bestimmten
Bedingungen wie versteinert.
Stonin 2 findet man beim Menschen vor allem im Gehirn und dort gehäuft
im Hippocampus, einer Hirnregion, die für Lernen und Gedächtnis
zuständig ist. Was das Molekül dort aber genau bewirkt, war bislang
unklar. Jetzt ist Volker Haucke in Zusammenarbeit mit Jürgen Klingauf
vom Max-Planck-Institut für Biophysikalische Chemie in Göttingen der
entscheidende Schnappschuss gelungen, und er hat damit Licht in einen
bislang noch nicht genau verstandenen Vorgang bei der Entstehung von
Nervenimpulsen gebracht.
Jede der hundert Billionen Nervenzellen des Gehirns bildet an bis zu
10.000 Stellen Kontakte zu anderen Zellen aus. An diesen
Kontaktstellen, den Synapsen, berühren sich die Zellen beinahe, aber
nicht ganz - zwischen ihnen bleibt ein winziger Spalt. Ein ankommendes
elektrisches Signal muss hier in eine chemische Botschaft übersetzt
werden. Die Nervenzelle schüttet Neurotransmitter aus, die von den
Nachbarzellen erkannt werden. Die Botenstoffe befinden sich zunächst
in winzige Bläschen verpackt im Inneren der Zelle. Bei einem Signal
verschmelzen die Bläschen mit der Außenhaut der Zelle und stülpen
gleichsam ihr Inneres nach außen. Diese Verschmelzung wird unter
anderem durch ein Eiweißmolekül namens Synaptotagmin vermittelt, das
in der hauchdünnen Membran sitzt, aus der die Bläschen gebildet sind.
Das Problem dabei: Nervenzellen können im Abstand von fünf
Millisekunden Signale senden, und jedes Mal läuft der gleiche Prozess
aufs Neue ab. Schon bald wären alle mit Neurotransmittern gefüllten
Bläschen erschöpft.
Die Lösung besteht in einem flotten Recycling-Prozess: Im gleichen
Maße wie die Bläschen aus dem Inneren der Zelle mit der Zellmembran
verschmelzen, so schnüren sie sich auch wieder ab, wandern zurück und
werden neu befüllt. Praktisch dabei ist, dass auch das nötige
Synaptotagmin dabei wieder eingesammelt wird, und an dieser Stelle
kommt der von Haucke entdeckte Einsatz des Stonin 2. Im Inneren der
Zelle bindet es gezielt an das in der Außenhaut gestrandete
Synaptotagmin und beschleunigt damit den Recyclingprozess. "Der ganze
Kreislauf dauert nicht länger als 60 Sekunden", so Haucke, "wir
betrachten da ein Fließgleichgewicht, das schnell und dabei
hochselektiv arbeitet." Als nächstes möchte Haucke herausfinden,
welche Rolle Stonin 2 beim Denken spielt. Ohne Synaptotagmin können
Säugetiere nicht überleben, und selbst kleine Defekte können beim
Menschen schon zu motorischen Störungen oder Schizophrenie führen. Die
Rolle von Stonin 2 scheint subtiler. "Vielleicht wäre ein menschliches
Gehirn ohne Stonin 2 bei intensiven Reizen schneller überlastet,
vielleicht gäbe es auch epileptische Anfälle", spekuliert Haucke. Das
Rätsel der höheren Denkvorgänge ist ein noch lange nicht gelöstes
Puzzle - mit Stonin 2 sind die Forscher auf ihrem langen Weg aber
einen Schritt vorangekommen.
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