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Die Biologin Judith Schumacher misst beim TÜV Bonn den
Gehalt von Ammoniak in Auspuffgasen.
© AG Prof. Frahm

Die Gelbflechte (Xanthoria perietina), Flechte des Jahres
2004, zeigt Luftbelastung speziell durch Ammoniak an.
© AG Prof. Frahm
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Schon vor mehr als 10 Jahren war es den
Botanikern komisch vorgekommen: Da wuchs plötzlich in Städten an
Mauern und Bäumen ein Moos namens Orthotrichum diaphanum, das dort
zuvor nie gefunden worden war. Typischerweise kommt es auf dem Land an
den Betoneinfassungen von Misthaufen vor. Dort enthält die Luft viel
Ammoniak, und der dient dem Moos als Stickstoff-Quelle: Eine Art
Dünger aus der Luft.
Flechten aus dem "Güllegürtel"
Einige Jahre später breiteten sich in den Städten plötzlich
stickstoffliebende Flechtenarten wie die Gelbflechte aus. Auch diese
Arten lieben eigentlich die Landluft: Normalerweise wachsen sie
beispielsweise auf Dächern von Viehställen. "In den Städten gibt es
aber keine Kühe und Schweine", erklärt Professor Dr. Jan-Peter Frahm
vom Bonner Nees-Institut für Biodiversität der Pflanzen. "Was bewog
also die Flechten, in die Städte zu ziehen?" Dass Ammoniak der
Verantwortliche sein könnte, vermutete damals niemand - woher sollte
er auch stammen? Außerdem wird die Ammoniak-Konzentrationen bei
Schadstoffbestimmungen normalerweise nicht mitgemessen.
Noch undurchsichtiger wurde die Geschichte, als im Jahr 2000 der
Monheimer Biologe Norbert Stapper feststellte, dass die
stickstoffliebenden Flechtenarten besonders gerne an stark befahrenen
Straßen wachsen - je stärker der Verkehr, desto besser. "Eigentlich
gelten Flechten als Indikatoren für Luftgüte", erklärt Frahm; "man
sollte meinen, dass sie empfindlich auf die Auspuffgase reagieren."
Ammoniak statt Saurer Regen
Die Frage nach dem Grund ließ Frahm keine Ruhe. Im vergangenen Sommer
setzte er schließlich zwei Doktoranden auf das Thema an. Experimente
und Literaturrecherchen lenkten den Verdacht schnell auf die
Stickstoff-Quelle Ammoniak - eine Substanz, die im Autoabgas jedoch
allenfalls in minimalen Konzentrationen vorkommen sollte. "Mit
Unterstützung des TÜV in Bonn haben wir dann bei 30 Fahrzeugen mit
Katalysator das Abgas untersucht", erläutert Professor Frahm. Das
Ergebnis überraschte selbst die Experten: "Alle Pkw pusteten Ammoniak
in die Luft - und das in Konzentrationen, die man zum Teil bereits mit
der Nase wahrnehmen konnte." Bis zu 25 ppm (parts per million)
erreichten die Werte bereits im Leerlauf; bei höheren Drehzahlen
stiegen sie gar auf das drei- bis zehnfache - die Grenze dessen, was
das Messgerät nachweisen konnte.
Gefahr für die menschliche Gesundheit geht von den gemessenen Mengen
dennoch nicht aus, da sich das Gas schnell verdünnt. Gefährlicher ist
da schon der "Düngeeffekt" von Ammoniak: "Die Düngung ist so hoch,
dass sie nur von wenigen Moos- und Flechtenarten toleriert wird",
betont Frahm. "Die anderen halten das gar nicht aus." Auch
Blütenpflanzen, die Stickstoff anders als Moose und Flechten nicht aus
der Luft aufnehmen, sind gefährdet: Ammoniak verbindet sich nämlich
mit den Stickoxiden in der Luft zu Ammoniumnitrat - das ist der
Dünger, den man in jedem Gartencenter kaufen kann. Mit dem Regen
gelangt der Dünger dann in den Boden. Folge: Seltene Arten sterben aus
und werden durch Stickstoffanzeiger wie Brennessel oder Brombeere
ersetzt. "Anders als beim Sauren Regen sterben wegen des Ammoniaks
keine Bäume", sagt Frahm. Er fürchtet jedoch die schleichenden
Veränderungen: "Das langfristige Resultat ist eine zunehmende
Verarmung der Natur - wir leben bald in einer Güllewüste."
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