Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für
molekulare Genetik in Berlin erzielen wichtige Durchbrüche bei der
Aufklärung der Struktur der Ribosomen.
Gleich zwei wichtige Erfolge kann eine Gruppe von
Wissenschaftlern am Berliner Max-Planck-Institut für molekulare
Genetik vermelden. Gemeinsam mit einer amerikanischen Partnergruppe
konnten die Forscher unter der Leitung von Dr. Paola Fucini die
dreidimensionale Struktur einer wichtigen Bindungsstelle des Ribosoms
einschließlich eines daran gebundenen Proteins vorstellen. In der
neuesten Ausgabe der renommierten Fachzeitschrift Molecular Cell
beschreiben sie die genaue Bindung der hochkonservierten GTPase Era an
die kleine Untereinheit des Ribosoms, wodurch die letzten Schritte bei
der Zusammensetzung der ribosomalen Untereinheiten für die Synthese
von Proteinen aktiviert werden (Mol Cell 18:319-329, 2005).
Schon Anfang des Jahres gelang es den
Wissenschaftlern, die dreidimensionale Struktur der großen
Untereinheit des Ribosoms mit daran gebundenem
Ribosomen-Recycling-Faktor aufzuklären. Die inzwischen zum Patent
eingereichte Struktur eröffnet den Weg für die gezielte Entwicklung
einer neuen Klasse von Antibiotika (EMBO J 24(2):251-60, 2005).
Proteine bilden die wichtigste Stoffgruppe aller
lebenden Organismen. Neben vielem anderen dienen sie als
Gerüstsubstanzen zum Aufbau von Geweben und Organen, ermöglichen
Bewegungen und sind Träger der Immunabwehr. Alle Organismen "bauen"
ihre Proteine in einer universal verbreiteten Zellfabrik, den
Ribosomen. Diese bestehen aus einer großen und einer kleinen
Untereinheit, welche - anders als bei einer immer gleich bleibenden
Fabrik - erst im Verlauf des Syntheseprozesses zu funktionsfähigen
Ribosomen zusammengesetzt werden. Nach der Fertigstellung eines
Proteins löst sich dieses vom Ribosom, das anschließend erneut in
seine Einzelteile zerfällt. Dieser Recycling-Prozess ist von
universeller Bedeutung für das Leben jedes Organismus, die Details
sind bislang jedoch immer noch wenig verstanden.
Wissenschaftlern am Max-Planck-Institut für
molekulare Genetik in Berlin unter der Leitung von Dr. Paola Fucini
ist es jetzt gemeinsam mit Partnern am New York State Health Dept. in
Albany, USA, gelungen, mittels Kryo-Elektronenmikroskopie eine
Bindungsstelle des Ribosoms für ein weit verbreitetes Protein, die
hochkonservierte GTPase Era (E. coli Ras-like protein), darzustellen.
In der neuesten Ausgabe der Fachzeitschrift Molecular Cell berichten
die Wissenschaftler, dass Era an eine funktionell bedeutsame Stelle
der kleinen Untereinheit des Ribosoms bindet, wo es die letzten
Schritte bei der Assemblierung (Zusammensetzung) von funktionell
aktiven Untereinheiten ermöglicht. Trotz langjähriger Forschung ist
der genaue Ablauf der Assemblierung der ribosomalen Untereinheiten
noch weitgehend unbekannt, die jetzt veröffentlichte
kryo-elektronenmikroskopische Struktur des Era-Ribosomenkomplexes
stellt die erste direkte Visualisierung einer für den
Assemblierungsprozess bedeutsamen Bindungsstelle überhaupt dar.
Vergleichbare Proteine kommen auch bei Säugern vor, die Forscher gehen
daher davon aus, dass die Rolle von Era bei der Assemblierung des
Ribosoms universell auf alle anderen Organismen übertragen werden
kann.
Einen weiteren Durchbruch konnten die Berliner
Wissenschaftler bereits Anfang des Jahres vermelden. Mit Hilfe der
Röntgenstrahl-Kristallographie ist es ihnen gelungen, die
dreidimensionale Struktur der großen Untereinheit des Ribosoms des
Bakteriums Escherichia coli einschließlich eines an sie gebundenen
ribosomalen Recycling-Faktors (RRF) aufzuklären. In der Zeitschrift
EMBO Journal beschreiben sie die genauen Änderungen in der Gestalt des
Ribosoms, die durch die Bindung des RRF bewirkt werden und dadurch das
Auseinanderfallen der ribosomalen Untereinheiten ermöglichen. Der
untersuchte Ribosomen-Recycling-Faktor ist jedoch nur essentiell für
die Funktion bakterieller Ribosomen, bei Wirbeltieren einschließlich
des Menschen kommt er nicht vor. Dies macht ihn zu einem attraktiven
Ziel für die Entwicklung neuer Antibiotika, welche gezielt die
bakteriellen Ribosomen angreifen könnten, ohne den infizierten Wirt zu
schädigen. Dank der jetzt vorliegenden hochgenauen Struktur des
Ribosomen-RRF-Komplexes ist der Weg frei für eine gezielte Entwicklung
entsprechender Wirkstoffe.
29. April 2005
Quellen und weitere Informationen:
-
Wilson DN, Schluenzen F, Harms JM, Yoshida T, Ohkubo T, Albrecht R,
Buerger J, Kobayashi Y, Fucini P (2005). X-ray crystallography study
on ribosome recycling: the mechanism of binding and action of RRF on
the 50S ribosomal subunit. EMBO J 24(2):251-60, 26.01.2005. Epub 2004
Dec 23.
-
Sharma MR, Barat C, Wilson DN, Booth TM, Kawazoe M, Hori-Takemoto C,
Shirouzu M, Yokoyama S, Fucini P, Agrawal RK (2005). Interaction of
Era with the 30S Ribosomal Subunit: Implications for 30S Subunit
Assembly. Molecular Cell 18:319-329, 29.04.2005.